Bandha - Aufrichtung durch Körperspannung
Yogaschule SOLIS » Blog » Blog Details
07.02.2018 09:00
Text von
Kategorie: Ashtanga Yoga, Themenorientierter Unterricht

Bandha – Aufrichtung durch Körperspannung

Schon in der Haṭha Yoga Pradīpikā, die vor ca. 600 Jahren verfasst wurde, sind spezielle Bandha wie Jālandhara, Mūla, Uḍḍīyāna und Mahā beschrieben. Wir wollen Bandha in unserer Einführung noch nicht auf diese spezielle Weise sehen, wie sie in der Haṭha Yoga Pradīpikā beschrieben sind, sondern zunächst als übergeordnetes Bewegungsprinzip. In diesem Zusammenhang wollen wir Bandha als ein elastisches Band verstehen, das durch unseren Körper zieht. Dieses Band spannt unseren Körper auf und verleiht ihm Stabilität, Balance, Ausrichtung und Länge. Doch was genau ist Bandha und wie spannen wir ein Band in unserem Körper? 

Die Muskeln mit ihren Bindegewebshüllen oder Faszien und ihren Sehnen-, Knochen-, Band- und Knorpelverbindungen bilden unseren Halte- und Bewegungsapparat, welcher von Bandha beeinflusst wird. Dieser Apparat ermöglicht uns Bewegung, auf unsere Umgebung einzuwirken und stützt uns im Feld der Schwerkraft. Bandha ist die willentliche Spannung von Muskeln und Faszien. Zieht Bandha bzw. das Band durch den Körper, empfinden wir es als angenehme Körperspannung, wir fühlen uns kräftig, unsere Bewegungen fallen uns leichter und wir wachsen äußerlich und innerlich.

Welche Rolle die Spannung von Muskeln und Faszien für die Körperhaltung spielen zeigen Erkenntnisse von Robbie (1977). Nach Robbie stapeln sich in der Wirbelsäule nicht einfach nur die Wirbel wie Klötzchen aufeinander und werden zur Abfederung durch die Bandscheiben getrennt. Vielmehr ist es so, dass das Weich- bzw. Bindegewebe jeden Wirbel einzeln vom darunterliegenden abheben kann, wenn es die richtige Spannung hat. Die Körperspannung – das Band, das wir im Körper aufspannen – bewirkt, dass sich die Knochen der Gelenke voneinander wegbewegen. So entsteht in den Gelenken Platz und Bewegungsfreiheit. Durch die richtige Spannung werden Abnutzungserscheinungen vorgebeugt und wir erhalten uns unsere stabile und aufrechte Körperhaltung. 

Wie eine optimale Spannung aussieht, bzw. was sie in unserem Körper bewirkt, wollen wir anhand von einem Bild deutlicher machen. Stellen wir uns vor, unser Körper ist wie ein Zelt aufgebaut. Die Stangen bilden unsere Knochen (Druckelemente), die Verbindungteile der Stangen dienen uns als Gelenke bzw. Bänder, die Spanngummischlaufen, mit denen die Plane an den Stangen befestigt wird und die Heringe, die die Plane mit dem Boden verbinden fungieren wie unsere Sehnen und die Plane stellt unsere Muskeln und Faszien (Zugelemente) dar. Sind alle Teile aufeinander abgestimmt, steht das Zelt und hält auch widrigen Bedingungen stand. Ist jedoch die Plane zu groß, flattert sie die ganze Zeit im Wind umher. Die Spannung der Plane ist dann zu gering und erschafft eine instabile Struktur. Das andere Extrem bildet eine zu kleine Plane. Hierbei ist die Spannung zu groß, sie kann nicht auf den Stangen angebracht werden oder zieht sie zu stark zusammen, sodass die Stangen und deren Verbindungsteile zusammengedrückt werden. In beiden Fällen ist die Funktionalität des Zeltes eingeschränkt und Abnutzung und Gebrauchsspuren werden schneller sichtbar.  

Bewegung im Reich der Schwerkraft

Schon 1909 plädierte Joel E. Glodthwait von der Harvard Medical School dafür, der Körperhaltung und Körperbewegungen im Feld der Schwerkraft mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Er sah den menschlichen Körper aus den Augen eines Ingenieurs, der weiß, dass die optimale Ausrichtung des Körpers Abnutzungen und Belastungen deutlich verringern kann. Verletzungen, Traumen, Gewohnheiten, eingefahrene Bewegungsmuster oder stundenlanges Sitzen auf ungeeigneten Möbeln führen zu einer allmählichen Veränderung der Körperstruktur, die die Aufrichtung und das Wohlbefinden beeinträchtigen.

Die Schwerkraft zählt zu den stärksten physikalischen Einflüssen des menschlichen Lebens, sie durchdringt unseren Körper und beeinflusst alle unsere Aktivitäten. Unser Körper ist so geschaffen, dass er in einer von Schwerkraft dominierten Welt bestehen kann. Da die Schwerkraft immer vorhanden ist, ist sie uns häufig nicht bewusst. Doch wenn wir mit unserem Körper arbeiten, können wir erleben, dass es Bewegungen oder Haltungen gibt, in denen der Körper so schwer wirkt, als könnten wir ihn keinen Millimeter bewegen. Weiterhin wird uns die Schwerkraft bewusst, wenn wir stürzen. Wir machen eine falsche Bewegung oder etwas liegt im Wege, sodass wir unser Gleichgewicht verlieren und hinfallen. Das Phänomen Falle kann nur existieren, weil es eine Kraft gibt, die uns zum Boden der Erde zieht.

Wie die Schwerkraft unsere Bewegung beeinflusst, können wir mit einem kleinen Versuch erleben:
Für diesen Versuch benötigst Du ein Gewicht, das für Dich schwer wirkt, aber dennoch mit einer Hand zu heben ist.
Dieses Gewicht nimmst Du in eine Deiner Hände und hebst es hoch zu Deiner Schulter, sodass Dein Ellenbogen gebeugt wird und Dein Bizeps anspannt. Nun lässt Du dieses Gewicht langsam nach unten sinken, sodass Dein Ellenbogen gestreckt wird. In dieser Form arbeitest Du mit der Schwerkraft und wendest nur so viel Kraft auf, dass das Gewicht nicht sofort zum Boden, sondern kontrolliert nach unten geführt wird (exzentrisch).

Als nächstes nimmst Du das Gewicht und winkelst Deinen Ellenbogen so an, dass Unter- und Oberarm ca. 90 Grad bilden, wodurch Dein Unterarm parallel zum Boden zeigt. Hier musst Du nichts weiter tun, als das Gewicht zu halten. Hierbei verhinderst Du, dass das Gewicht von der Schwerkraft nach unten gezogen wird, wodurch die nach unten wirkende Kraft dieselbe ist, die Du aufwendest, um das Gewicht in seiner Position zu halten (isometrisch). 

Zuletzt startest Du mit gestrecktem Ellenbogen und hebst das Gewicht durch Beugung des Ellenbogen zur Schulter hoch. Dabei wird Dir auffallen, dass Du nun nicht nur Deinen Arm und das Gewicht heben musst, sondern dieses auch noch gegen die Schwerkraft machst (konzentrisch).

Vielleicht konntest Du erleben, dass es am leichtesten ist sich mit der Schwerkraft zu bewegen (exzentrisch), etwas schwieriger wird es, wenn wir verhindern wollen, dass die Schwerkraft gewinnt (isometrisch) und am schwierigsten wird es dann, wenn wir gegen die Schwerkraft gewinnen wollen und uns oder ein Objekt gegen die Schwerkraft nach oben heben wollen (konzentrisch).

Leben in Bewegung bedeutet ständig mit und vor allem gegen die Schwerkraft zu arbeiten. Ein Baby lernt sich gegen die Schwerkraft zu behaupten, es beginnt sich langsam vom Boden zu heben, sich abzudrücken und durch Bewegung seine Position im Raum zu verändern. Zu Beginn unseres Lebens werden wir angetrieben die Schwerkraft zu meistern und mit ihr zu leben. Würde dieses instinktive Verhalten nicht vorhanden sein, wären wir nicht in der Lage uns zu bewegen und würden unser Leben lang an einem Ort gefangen sein. Wir lösen uns vom Boden, um auf der Erde wandeln zu können. Mit dem Älterwerden dreht sich dieses Spiel um. Unser Körper baut langsam ab, wodurch wir schwächer werden und der Schwerkraft nicht mehr so viel entgegenbringen können. Das Alter lässt uns häufig kleiner werden. Mit dem Alter sinken wir zum Boden zurück, wo wir einst gestartet sind. Der Tod lässt unseren Körper schlussendlich ganz mit der Erde Eins werden.  

Mit Bandha der Schwerkraft trotzen

Durch die Anwendung von Bandha, also dem Aufbau von Körperspannung gelingt es uns der Schwerkraft zu trotzen und das Einsinken, Kollabieren und Zusammenfallen zu verhindern.

Wie genau wende ich Bandha an? Was kann ich tun, um Körperspannung so aufzubauen, dass ich der Kraft der Schwerkraft entgegenwirke?

Die Anwendung von Bandha im Allgemeinen ist relativ simpel. Hierfür ziehen wir eine vertikale und eine horizontale Linie durch unseren Körper. So erhalten wir ein Oben und ein Unten sowie eine rechte und eine linke Seite. Befinden sich Teile des Körpers in der vertikalen Ausrichtung (z.B. stehend oder sitzend), dann haben wir den unteren Teil näher am Boden bzw. dieser hat Kontakt zum Boden und mit dem oberen Teil streben wir nach oben, Richtung Himmel. Die Körperteile, die Kontakt zum Boden haben bilden unser Fundament und drücken in den Boden. Wir streben durch den Druck in den Boden weg vom Boden. Der obere Teil ist der höchste Punkt des Körpers, also der, der am weitesten vom Boden weg ist. Wir erzeugen zwei entgegengesetzte Bewegungen im Körper, wodurch die Enden des Körpers voneinander wegstreben. Der am Boden befindliche Teil verwurzelt sich aktiv in den Boden und der höchste Punkt strebt himmelwärts.

Sind nun Teile des Körpers in der horizontalen Ebene ausgerichtet (z.B. liegend oder in einer sitzenden Vorbeuge) gilt das Prinzip von entgegengesetzten Bewegungsrichtungen der äußersten Körperteile ebenso. Auf der horizontalen Ebene verschieben wir unsere äußersten Enden des Körpers nach rechts und nach links.

Wir streben mit Bandha also in die vier Himmelrichtungen nach Süden, Norden, Osten und Westen. Wir lassen die Pole Süden und Norden sowie Osten und Westen also voneinander wegstreben. 

Stellen wir uns vor, dass wir Bandha wirklich als ein elastisches Band von den Füßen bis zur Scheitelmitte zentral durch unseren Körper ziehen und ein Band, bei seitlich ausgestreckten Armen, von rechts nach links. Stellen wir uns weiter vor, dass wir diese Bänder an den beiden äußersten Enden greifen können, also unter den Füßen, über der Scheitelmitte und an beiden Händen. Wenn wir nun an den Bändern ziehen, werden sie länger und sie lassen uns wachsen.

Wir lassen mit Bandha vier sich entgegengesetzte Pole im Körper voneinander wegziehen und erzeugen dadurch etwas Neues: Es entsteht Länge, Aufrichtung, Freiheit und Weite. 

Bitte schau auf den Kursplan, um zu sehen an welchen weiteren Tagen das Thema angeboten wird.

Wir freuen uns auf Dein Interesse und Deine Teilnahme!

Zurück

Kontaktdaten

Yogaschule SOLIS
Gliesmaroder Straße 1 · 38106 Braunschweig

Tel.: +49 (0) 531 / 2 33 76 29
Mobil: +49 (0) 172 44 99 552

E-Mail: info@solis-yoga.de

Kontakt-Formular

Anfahrt: So findest Du uns

Newsletter abonnieren

… und wir informieren Dich, wenn es Neues zu entdecken gibt.

Bitte addieren Sie 9 und 9.